Futter Klartext – heute: Protein.
Heute geht es um einen Nährstoff, über den unglaublich viel diskutiert wird: Protein, also Eiweiß. Kaum ein anderer Nährstoff wird gleichzeitig so gefürchtet und so gehypt.
Die einen haben Angst vor zu viel Eiweiß, andere sorgen sich, ob ihr Tier überhaupt genug bekommt. Wieder andere greifen gezielt zu besonders eiweißreichem Futter, weil sie sich davon mehr Muskulatur oder Leistung versprechen. Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen.
Protein ist lebenswichtig. Zu wenig kann Probleme machen. Zu viel bringt aber auch nicht automatisch Vorteile.
Was ist Protein überhaupt?
Protein gehört zu den wichtigsten Baustoffen des Körpers. Es wird für unzählige Dinge gebraucht:
Dabei sprechen wir eigentlich nicht über Protein selbst, sondern über die Aminosäuren, aus denen Proteine aufgebaut sind. Sie sind die eigentlichen Bausteine, mit denen der Körper arbeitet.
Protein ist nicht gleich Protein
Wenn wir auf ein Futter schauen, sehen wir meist nur eine Zahl: 10 %, 20 %, 30 % Rohprotein. Diese Zahl sagt aber nur, wie viel Protein enthalten ist – nicht, wie hochwertig es ist.
Entscheidend ist, welche Aminosäuren enthalten sind und wie gut das Tier sie verwerten kann. Fehlt eine wichtige Aminosäure, kann der Körper das vorhandene Protein oft nicht optimal nutzen. Deshalb ist die Lösung bei Muskelproblemen nicht automatisch „mehr Eiweiß“.
Oft lautet die viel wichtigere Frage: Ist das vorhandene Eiweiß überhaupt hochwertig genug?
Wo findet man hochwertiges Protein?
Das Pferd
Besonders interessant sind die Aminosäuren Lysin, Methionin und Threonin.
Gute Proteinquellen
- ✓ Luzerne
- ✓ Esparsette
- ✓ Hochwertige Heu- oder Heulagequalitäten
- ✓ Sojaprodukte
- ✓ Leinpresskuchen
- ✓ Gezielte Aminosäurenergänzungen
Ein Pferd kann laut Analyse ausreichend Rohprotein aufnehmen und trotzdem nicht optimal mit den Aminosäuren versorgt sein, die es für Muskelaufbau und Regeneration braucht.
Der Hund
Hunde können sowohl tierische als auch pflanzliche Proteinquellen verwerten.
Besonders hochwertig
- ✓ Eier
- ✓ Fisch
- ✓ Muskelfleisch
- ✓ Gut verdauliche tierische Proteine
Pflanzliche Quellen können ebenfalls sinnvoll sein, enthalten aber oft nicht dasselbe Aminosäurenmuster wie tierische. Auch beim Hund ist die Qualität oft wichtiger als die reine Menge.
Die Katze
Bei Katzen wird der Unterschied besonders deutlich. Sie sind obligate Karnivoren – also auf tierische Nahrung spezialisiert.
Besonders hochwertig
- ✓ Fleisch
- ✓ Fisch
Pflanzliche Quellen liefern zwar auch Protein, erreichen für Katzen aber häufig nicht die gleiche biologische Wertigkeit. Gerade hier lohnt sich ein genauer Blick auf die tatsächlichen Proteinquellen im Futter.
Was passiert bei zu viel Protein?
Gerade in der Pferdewelt begegnet mir oft die Sorge: „Mein Pferd darf bloß nicht zu viel Eiweiß bekommen.“ Und auch beim Protein gilt nicht automatisch „viel hilft viel“ – denn der Körper kann Protein nicht speichern wie Fett.
-
1
Wird mehr Protein aufgenommen als benötigt, werden die überschüssigen Aminosäuren zerlegt.
-
2
Der Stickstoffanteil muss über Leber und Nieren ausgeschieden werden.
-
3
Der verbleibende Teil wird zur Energiegewinnung genutzt oder in Fett umgewandelt.
Bei gesunden Tieren kann der Organismus mit gewissen Schwankungen umgehen. Problematisch wird es eher, wenn über längere Zeit deutlich mehr Protein gefüttert wird als nötig.
Macht zu viel Protein hyperaktiv?
„Zu viel Protein macht Hunde hyperaktiv“ – und bei Pferden berichten Besitzer manchmal von mehr Nervosität bei eiweißreichen Rationen.
So pauschal lässt sich das nicht sagen. Protein selbst ist kein Aufputschmittel und macht ein Tier nicht automatisch hibbelig.
Aber es gibt einen interessanten Zusammenhang: Überschüssiges Protein kann zur Energiegewinnung genutzt werden – und besonders proteinreiche Futter sind oft insgesamt energiereicher zusammengesetzt. Was der Halter dann als „das Protein macht mein Tier verrückt“ deutet, ist in manchen Fällen schlicht ein Energieüberschuss.
Das zeigt, wie wichtig es ist, die gesamte Ration zu betrachten. Gerade bei Pferden spielen oft mehrere Faktoren zusammen: junges Weidegras, höhere Energieaufnahme, Stoffwechsel, Trainingszustand, Haltung. Und bei Hunden lohnt sich bei Verhaltensauffälligkeiten immer ein Blick aufs große Ganze – Energie, Protein, Auslastung, Training, Stress, Schlaf, Gesundheit.
Nicht jedes vermeintliche Proteinproblem ist tatsächlich ein Proteinproblem. Manchmal steckt schlicht ein Energieüberschuss dahinter.
Häufiger als Überschuss: die Unterversorgung
Mindestens genauso oft sehe ich in der Praxis Situationen, in denen die Versorgung nicht optimal ist – besonders, wenn Tiere Schwierigkeiten haben, Muskulatur aufzubauen oder zu erhalten. Mögliche Hinweise:
Mögliche Hinweise auf eine Protein-Unterversorgung
- ! Schlechter Muskelaufbau
- ! Muskelabbau
- ! Verzögerte Regeneration
- ! Stumpfes Fell
- ! Schlechte Fellqualität
- ! Schlechte Huf-/Krallenqualität
- ! Verminderte Leistung
- ! Gewichtsverlust trotz genug Energie
Diese Symptome können viele Ursachen haben – aber Protein gehört immer zu den Dingen, die man mit überprüfen sollte.
Der Bedarf bleibt nicht das ganze Leben gleich
Ein oft vergessener Punkt: Es gibt viele Situationen mit deutlich erhöhtem Proteinbedarf.
Gerade bei Erkrankungen wird Protein häufig vorschnell verteufelt. Dabei braucht der Körper in vielen Krankheitsphasen zusätzliche Bausteine für Reparatur und Heilung. Natürlich gibt es Ausnahmen – bei bestimmten Leber- oder Nierenerkrankungen muss die Versorgung individuell angepasst werden. Aber auch dann geht es selten darum, Protein pauschal zu reduzieren, sondern um die richtige Menge und Qualität.
Ein Wort zu Muskelerkrankungen
In der Pferdewelt wird aktuell viel über Muskelstoffwechsel gesprochen, etwa über MIM (Muskelintegritätsmyopathie). Protein ist nicht die Ursache solcher Erkrankungen. Aber wenn Muskulatur geschädigt wird oder ständig regenerieren muss, lohnt sich fast immer ein genauer Blick auf die Versorgung mit hochwertigem Protein und den relevanten Aminosäuren. Dasselbe gilt für Hunde und Katzen mit Muskelabbau, im Seniorenalter oder während längerer Krankheitsphasen.
Erst die Basis, dann die Ergänzung
Viele Tierhalter beschäftigen sich intensiv mit Aminosäuren, Eiweißergänzungen oder speziellen Muskelprodukten – und vergessen dabei manchmal die Basis:
- → Beim Pferd beginnt alles beim Grundfutter, also insbesondere beim Heu.
- → Bei Hund und Katze beginnt alles beim Hauptfutter.
Erst wenn die Grundlage stimmt, lässt sich überhaupt beurteilen, ob zusätzliche Eiweißquellen sinnvoll sind. Deshalb ist eine bedarfsgerechte Analyse häufig wertvoller als der Griff zum nächsten Zusatzfutter.
Protein ist weder der Bösewicht noch die Wunderwaffe der Tierernährung. Entscheidend sind die richtige Menge, die richtige Qualität und der tatsächliche Bedarf des einzelnen Tieres.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht „Wie viel Protein enthält das Futter?“, sondern:
Bekommt mein Tier die Aminosäuren, die es wirklich braucht?
Denn nicht die Menge an Eiweiß baut Muskulatur auf – entscheidend ist, wie viel hochwertiges und verwertbares Protein dem Körper tatsächlich zur Verfügung steht.
Shownotes
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Passend zu dieser Folge:
- → Folge #35 – Futter Klartext: Energie Warum hinter manchem „Proteinproblem“ in Wahrheit ein Energieüberschuss steckt.
- → Folge #23 – Heuanalyse Woher du weißt, wie viel (und welches) Protein dein Pferd schon übers Heu bekommt.
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