Folge #23 – Heuanalyse: Gefürchtet, falsch verstanden und eigentlich unverzichtbar

Heuanalysen werden – besonders von Stallbetreibern – oft gefürchtet. Die Reaktion, die ich am häufigsten höre, klingt so:

„Das brauchen wir nicht – unser Heu ist super. Da gab es auch noch nie Probleme.“

Genau dieser Satz zeigt mir, dass das Prinzip Heuanalyse grundlegend falsch verstanden wird. Es geht nicht darum, das Heu schlecht zu machen. Es geht darum zu wissen, was drin steckt. Und dieser Unterschied ist entscheidend.

Was kann überhaupt analysiert werden?

Eine Heuanalyse kann drei verschiedene Bereiche abdecken: den Hygienestatus, den Energiegehalt und die Nährstoffe. Welche davon sinnvoll sind, hängt von der Ausgangssituation ab.

Hygienestatus – wann ist er relevant?

Beim Hygienestatus wird das Futter auf seine Tauglichkeit untersucht: Hefen, Schimmelpilze, Bakterien – und zusätzlich die Trockensubstanz, also wie hoch die Restfeuchte noch ist. Je feuchter das Heu, desto größer das Risiko für Schimmelbildung.

Diese Untersuchung empfehle ich im Rahmen einer Futterberatung aber nur dann, wenn das Heu optisch und olfaktorisch einen guten Eindruck macht – gleichzeitig aber mehrere Pferde im Stall Atemwegsprobleme zeigen. Dann lohnt es sich zu prüfen, ob der erste Eindruck täuscht.

Ist das Heu offensichtlich schimmelig, erkennt man das in der Regel auch ohne Analyse. Der Hygienestatus dient also nicht dazu, gutes Heu zu hinterfragen – sondern unerklärliche gesundheitliche Probleme aufzuklären.

Energiegehalt – das unterschätzte Risiko

Der Energiegehalt im Heu kann sehr stark schwanken – je nach Witterung, Schnittzeitpunkt und Wiese. Um zu verstehen, was das in der Praxis bedeutet, ein konkretes Beispiel:

Beispiel: Haflinger, 500 kg, Erhaltungsbedarf ca. 45 MJ pro Tag

Bei 1,5 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht = 7,5 kg Heu täglich.

  • Energiegehalt 5,9 MJ/kg: Genau der Erhaltungsbedarf wird gedeckt. ✓
  • Energiegehalt 8,1 MJ/kg: Der Bedarf wird um rund 30 % überschritten – bei gleicher Heumenge.

Das macht einen gravierenden Unterschied. Wer den Energiegehalt kennt, kann reagieren: die Bewegungsintensität steigern, eine Reitbeteiligung suchen oder die Heuportion mit Stroh strecken. Wer ihn nicht kennt, merkt den Überschuss erst dann, wenn der Haflinger deutlich Gewicht zugelegt hat – und dann können bereits gesundheitliche Folgen eingetreten sein.

Ich möchte dabei ausdrücklich betonen: Kein Stallbetreiber hat Einfluss auf den natürlichen Energiegehalt seines Heus. Es geht nicht um Schuld. Es geht darum, das Wissen zu haben – um handeln zu können.

Nährstoffanalyse – kein Urteil, nur Orientierung

Dasselbe Prinzip gilt für die Nährstoffanalyse. Sie liefert eine Übersicht, welche Mineralien und Spurenelemente in welcher Menge im Heu enthalten sind. Und hier gilt: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Heu ist ein Naturprodukt – seine Inhaltsstoffe hängen von Boden, Wetter und Schnittzeitpunkt ab. Ein Urteil darüber ist faktisch gar nicht möglich, weil es kein „perfektes“ Referenz-Heu gibt.

In der Futterberatung geht es einzig darum zu wissen, was das Pferd bereits über das Heu aufnimmt – um darauf die weitere Fütterung abzustimmen. Ein Mineralfutter zum Beispiel sollte gezielt die Lücken schließen, die das individuelle Heu lässt. Und welche das sind, hängt zusätzlich vom Pferd selbst ab: Alter, Rasse, Gewicht, Gesundheitszustand, Haltungsform und Bewegungsintensität spielen alle eine Rolle.

Heu kann niemals für jedes Pferd passen – das ist auch gar nicht der Anspruch. Der Anspruch ist, herauszufinden, wie viel davon ein bestimmtes Pferd aufnehmen kann und was ergänzt werden sollte.

Warum ist eine Heuanalyse heute unverzichtbar?

Zwei Entwicklungen machen die Heuanalyse meiner Meinung nach nicht mehr optional:

  • Sinkende Artenvielfalt auf Wiesen: Durch Klimawandel und hohen Vertritt sind die Nährstoff-, Protein- und Energiegehalte im Heu heute deutlich schwankender als früher.
  • Veränderte Bedürfnisse unserer Pferde: Früher wurden Pferde den ganzen Tag körperlich eingesetzt und im Winter nicht eingedeckt. Heute kommen viele Freizeitpferde kaum über den Erhaltungsbedarf hinaus – bei gleichzeitig energiereichem Heu eine risikoreiche Kombination.

Nährstoffmangel bei gleichzeitiger Energieüberversorgung ist heute keine Seltenheit – und kann zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen. Eine Heuanalyse ist das Werkzeug, um dem vorbeugend zu begegnen.

Und wenn verschiedene Heuchargen vorhanden sind?

Das häufigste Gegenargument lautet: „Wir haben mehrere Chargen – dann bräuchten wir ja zig Analysen.“ Die pragmatische Lösung ist eine Mischanalyse: Proben aus den verschiedenen Chargen werden zusammengeführt und gemeinsam untersucht. Man bekommt einen Mittelwert – aber das Pferd bekommt im Alltag ja auch den Durchschnitt. Und ein Mittelwert aus 2–3 Chargen ist deutlich aussagekräftiger als der statistische LUFA-Mittelwert aus mehreren Hundert Proben.

Ein Appell – besonders an Stallbesitzer

Eine Heuanalyse macht einen Stall nicht angreifbar. Sie bietet Transparenz und schafft die Grundlage für gesunde Pferde. Wenn die Kosten auf alle Einsteller umgelegt werden, ist der Anteil für jede:n Einzelne:n gering – der Nutzen für alle groß.

Wer möchte, kann sich außerdem einen Futterberater einladen, der das Ergebnis direkt am Stall bespricht – auch online ist das möglich – und gemeinsam mit Stallbetreiber und Einstallern gangbare Lösungen entwickelt. Nicht hinzuschauen löst das Problem jedenfalls nicht. Am Ende ist das Pferd der Leidtragende.

Wenn du noch Kritiker kennst: Leite diese Folge gerne weiter. Manchmal braucht es einfach den Perspektivwechsel.

Shownotes

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