Ans Anweiden denkt jeder. Aber ans Abweiden?
Im Frühjahr sind wir alle hochkonzentriert: Wir lesen Artikel, machen Pläne, fangen mit zehn Minuten Weide an. Das Anweiden ist in den Köpfen drin. Aber im Herbst läuft es oft genau andersrum: Das Wetter wird schlecht, die Weide ist matschig oder abgefressen, und von einem Tag auf den anderen kommen die Pferde in den Stall oder auf den Paddock – und das war’s dann mit dem Gras.
Dabei ist das Abweiden im Grunde dieselbe Futterumstellung wie im Frühling – nur in die andere Richtung. Und der Pferdedarm merkt diesen abrupten Wechsel genauso.
Warum Abweiden überhaupt ein Thema ist
Der Schlüssel liegt – wie so oft beim Pferd – im Darm und seiner Bakterienwelt, der Darmflora. Über den Sommer hat sie sich voll und ganz auf frisches Gras eingestellt: saftig, wasserreich, oft zucker- und eiweißreich. Sie hat sozusagen ihre Spezialisten für die Verdauung von Weidegras.
Und jetzt kommt der Herbst – mit einem ganz anderen Futter. Heu ist strukturierter, trockener, faserreicher. Passiert der Wechsel zu abrupt, kommt die Darmflora durcheinander: Die Gras-Spezialisten finden keine Nahrung mehr, und die Heu-Spezialisten müssen sich erst wieder vermehren.
In dieser Übergangsphase kann es zu Blähungen, Bauchweh und im schlimmeren Fall zu einer Kolik kommen. Und das ist beim Pferd nie eine Kleinigkeit.
Der Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst
Anweiden, Abweiden – ist doch dasselbe in Grün, nur umgekehrt? Fast. Es gibt einen entscheidenden Unterschied:
🌱 Frühjahr – Anweiden
Heu → Gras
Die große Sorge ist das junge Gras mit viel Zucker (Fruktan). Es geht darum, das Pferd langsam an die Zuckerlast zu gewöhnen, um Hufrehe zu vermeiden.
🍂 Herbst – Abweiden
Gras → Heu
Wir gewöhnen das Pferd vom energie- und wasserreichen Gras zurück ans trockene, strukturreiche Heu. Aber auch Herbstgras ist nicht ohne.
⚠️ Die Fruktan-Falle im Herbst
Gerade bei kalten Nächten mit Sonnenschein am Tag kann der Fruktangehalt im Gras nochmal richtig ansteigen. Das Gras sieht dann kurz und harmlos aus – hat es aber in sich. Deshalb ist der Herbst für rehegefährdete Pferde eine kritische Zeit, in der man doppelt aufpassen muss.
Wie du richtig abweidest – Schritt für Schritt
Das Grundprinzip ist dasselbe wie bei jeder Futterumstellung – und es ist meine generelle Philosophie: immer nur einen Schritt auf einmal, und dem Körper danach ein paar Tage Zeit geben.
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1
Weidezeit schrittweise reduzieren
Nicht von heute auf morgen streichen. War dein Pferd im Sommer den ganzen Tag draußen, verkürzt du die Weidezeit nach und nach – erst um eine Stunde, ein paar Tage so lassen, dann weiter. Über ein bis zwei Wochen, bei empfindlichen Pferden gern länger.
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2
Parallel das Heu aufbauen
Während die Weidezeit sinkt, sollte die Heumenge steigen. Das Ziel: Dein Pferd fällt nie in ein Loch, in dem es plötzlich viel weniger zu fressen hat. Der Darm soll durchgehend beschäftigt sein – nur zunehmend mit Heu statt Gras.
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3
Heu VOR der Weide anbieten
Ein Pferd, das mit vollem Bauch auf die Weide kommt, stürzt sich nicht so gierig aufs Gras. Das entschleunigt die Grasaufnahme – gerade für rehegefährdete Pferde günstig.
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4
Kurzes Gras nicht unterschätzen
Wenn die Weide nur noch kurz abgefressen ist, denken viele, da sei „eh nichts mehr“. Aber kurzes, gestresstes Gras kann besonders fruktanreich sein. Also nicht die Pferde unbegrenzt drauflassen im Glauben, die Weide gebe nichts mehr her.
Die stillen Helfer: Wasser und Bewegung
Zwei Dinge werden beim Abweiden gern übersehen, sind aber wirklich wichtig:
Wasser
Frisches Gras besteht zu großen Teilen aus Wasser – ein Pferd nimmt darüber viel Flüssigkeit nebenbei auf. Heu ist trocken. Bei der Umstellung muss dein Pferd plötzlich deutlich mehr aktiv trinken. Tut es das nicht (z. B. weil das Wasser kalt und ungemütlich ist), steigt das Risiko für eine Verstopfungskolik. Also: immer frisches, gut zugängliches, möglichst nicht eiskaltes Wasser – und beobachten, ob dein Pferd wirklich trinkt.
Bewegung
Bewegung hält den Darm in Schwung – im wahrsten Sinne. Sinkt im Herbst die Weidezeit und die Pferde stehen mehr, fehlt oft dieser natürliche Anreiz. Ein Darm, der weniger bewegt wird, arbeitet träger. Achte darauf, dass dein Pferd auch in der Übergangszeit genug in Bewegung bleibt – über den Offenstall, kontrolliertes Führen oder Training.
Ab jetzt zählt die Heuqualität
🌾 Heu wird jetzt zum Hauptfuttermittel – oft für Monate
Mit dem Wechsel aufs Heu wird plötzlich enorm wichtig, was für ein Heu du fütterst. Denn Heu ist nicht gleich Heu: Energie-, Zucker-, Eiweißgehalt und Mineralstoffe schwanken je nach Standort, Schnitt und Ernte erheblich. Ein Pferd, das über den Winter hauptsächlich Heu bekommt, ist ganz wesentlich von dieser Qualität abhängig. Deshalb ist der Herbst der ideale Zeitpunkt für eine Heuanalyse – nur wenn du weißt, was dein Heu liefert, kannst du gezielt ergänzen, was fehlt, oder zurückfahren, was zu viel ist. Gerade bei leichtfuttrigen oder rehegefährdeten Pferden ist das Gold wert.
Diese Pferde brauchen besondere Aufmerksamkeit
Besondere Vorsicht beim Abweiden
- ▸ Leichtfuttrige Pferde & Ponys: Sie nehmen ohnehin schnell zu. Das manchmal überraschend fruktanreiche Herbstgras ist für sie heikel – genau hinschauen, dass sie nicht zu viel Energie aufnehmen.
- ▸ Rehegefährdete Pferde & EMS: Besondere Vorsicht wegen der Fruktanspitzen – gerade an sonnigen Tagen nach kalten Nächten. Hier kann es sinnvoll sein, die Weide zu solchen kritischen Zeiten ganz zu meiden.
- ▸ Pferde mit Verdauungsproblemen oder Kolik-Vorgeschichte: Übergang besonders langsam und aufmerksam gestalten – im Zweifel immer in Absprache mit dem Tierarzt.
Das große Ganze
Abweiden ist kein Nebenschauplatz, sondern eine echte Futterumstellung – genauso wichtig wie das Anweiden im Frühjahr.
Der Kern ist immer derselbe: langsam, schrittweise, mit Blick auf den Darm – und immer nur eine Veränderung auf einmal.
Drumherum machen die begleitenden Faktoren den Unterschied: genug Wasser, ausreichend Bewegung, ein Blick auf die Heuqualität – und besondere Vorsicht bei den Risikopferden.
Und denk daran, dass gerade Herbstgras trügerisch sein kann: kurz und harmlos aussehen, aber richtig Fruktan mitbringen. Wer das im Kopf behält, bringt sein Pferd sicher und entspannt durch den Herbst.
Wenn du dir unsicher bist, wie du den Übergang für dein Pferd am besten gestaltest – gerade wenn es leichtfuttrig oder rehegefährdet ist oder Verdauungsthemen hat –, schaue ich mir das gerne gemeinsam mit dir an. Und wenn du wissen möchtest, was in deinem Winterheu steckt, ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, das anzugehen.
Shownotes
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Passende Folgen zum Weiterhören:
- → Folge #6 – Anweiden Der Zwilling im Frühjahr: der sanfte Übergang von Heu auf Gras.
- → Folge #23 – Heuanalyse Warum du jetzt im Herbst wissen solltest, was dein Winterheu liefert.
- → Folge #45 – Warum Futterumstellungen scheitern Das Grundprinzip hinter jeder Umstellung – langsam, schrittweise, mit Blick auf den Darm.
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