#54 – Das Tier sehen, wie es wirklich ist – Tierfotografie mit Anne Bertling

Diesmal geht es nicht um den Napf – sondern um den Blick durch die Kamera. Und darum, was ein entspanntes Tier wirklich ausmacht.

Unsere Tiere begleiten uns nur ein Stück des Weges – und trotzdem haben die wenigsten von uns richtig schöne Bilder von ihnen. In dieser Folge spreche ich mit einer Tierfotografin, die nicht einfach nur Tiere ablichtet, sondern das Gefühl einfängt, das sie in uns wecken.

Anne hat schon Fotos von mir und meinen Tieren gemacht – wer meine Podcast-Grafiken oder meine Homepage kennt, hat ihre Bilder also wahrscheinlich schon gesehen. Und ganz nebenbei reden wir darüber, was ein entspanntes Tier eigentlich ausmacht: vor der Kamera und im Alltag. Denn das passt erstaunlich gut zu dem, wofür „Achtsam Füttern“ steht – das Tier sehen, wie es wirklich ist.

Zu Gast in dieser Folge

Anne Bertling – Tierfotografin & Biologin

Anne ist studierte Biologin, hat in dem Beruf lange gearbeitet und sogar promoviert – und ist erst später zur Tierfotografie gekommen. Seit 2024 macht sie das hauptberuflich. Sie geht so einfühlsam mit Tieren um, dass selbst ängstliche oder nervöse Tiere bei ihr zur Ruhe kommen. 2021 wurde eines ihrer Bilder unter die Top 25 Tierfotografien weltweit gewählt.

Wie bist du zur Tierfotografie gekommen?

Anne

Tiere waren eigentlich schon immer in meinem Leben. Nach dem Studium habe ich mir endlich den Traum vom eigenen Hund erfüllt – meine Hündin Sari – und war über Social Media viel unterwegs, als das gerade aufkam. Erst hat mich die Wildtierfotografie gefesselt, ich bin mit einem schweren Teleobjektiv losgezogen. Aber natürlich musste ich auch Bilder von meinem eigenen Hund machen. Als ich die zeigte, fragten immer mehr Freunde und Bekannte, ob ich nicht auch ihre Tiere fotografieren könnte.

So habe ich erst ein Nebengewerbe angemeldet – ich wollte das ordentlich machen – und das wuchs schnell. 2024 habe ich dann gekündigt und bin komplett in die Tierfotografie eingestiegen.

Wie hilft dir dein Biologie-Studium bei der Arbeit mit den Tieren?

Anne

Das stille Beobachten habe ich im Studium gut gelernt – auch wenn ich das schon immer ein bisschen in mir hatte. Und wenn Probleme auftreten, gehe ich eher analytisch, wissenschaftlich heran: forschen, alles durchlesen, herausfinden. Es war also nicht umsonst, dass ich vorher den ganz anderen Weg eingeschlagen habe.

Claudia

Das kenne ich – manchmal ist es gut, dass man seinen Weg erst findet. Ich wollte früher auch nicht Tierärztin werden, heute weiß ich, dass es gut ist, dass es anders kam. Mit der Ernährungsberatung habe ich meinen Weg gefunden, Tieren zu helfen. Und dass ich sonst in der Versicherung sehr analytisch mit Zahlen arbeite, kann ich auch gut gebrauchen.

„Ich fotografiere nicht das Tier – sondern das Gefühl“

Du sagst, du fotografierst nicht einfach das Tier, sondern das Gefühl, das es in uns weckt. Was meinst du damit?

Anne

Ich möchte, dass meine Kunden, wenn sie ihre Bilder bekommen, gerührt sind und ihr Tier sofort wiedererkennen: Ja, so ist sie. So guckt sie, so läuft sie, so spielt sie. Natürlich machen wir auch gestellte, posierte Fotos. Aber am schönsten sind die kleinen Zwischenmomente, in denen der Hund genauso ist, wie der Halter ihn kennt.

Das sind im fotografischen Sinne oft „unperfekte“ Fotos – der Hund sitzt nicht genau da, wo er sitzen sollte, oder guckt nicht dahin, wo er hingucken sollte. Aber genau diese Bilder werden am Ende immer genommen. Weil sie den Hund so genau widerspiegeln, dass man sie einfach liebt.

Die schönsten Bilder sind selten die perfekten. Es sind die, in denen das Tier genau so ist, wie es wirklich ist.

Wie schaffst du es, den Charakter eines Tieres einzufangen?

Anne

Das Wichtigste: Man darf keinen Druck auf das Tier ausüben. Sobald zu viel Druck da ist, merkt man das sofort – die Ohren gehen nach hinten, die Augen werden groß. Dann verschließt sich das Tier, und den Charakter kann man nicht mehr einfangen. Wie soll ein Tier, das sich nicht wohlfühlt, seinen Charakter zeigen?

Deshalb lasse ich Zeit. Es gibt die Poser, die sofort da sind. Und es gibt Hunde, die ganz viel Zeit und Raum brauchen. Bei einem sehr ängstlichen Hund nehme ich ein Teleobjektiv, gehe gar nicht nah dran und lasse ihn erstmal machen. Bislang hatte ich noch nie einen, bei dem es nicht geklappt hat.

Kein Druck. Kein Zwang. Einfach Raum geben – dann zeigt sich das Tier von allein.

Du hörst sicher oft: „Mein Hund kann das nicht, der schafft das nicht.“ Warum stimmt das meistens gar nicht?

Anne

Ein Fotoshooting meistert fast jeder Hund, der einigermaßen alltagstauglich ist – auch ein ängstlicher. Man muss natürlich auf den Hund eingehen: die Location anpassen, die Art der Fotos. Von einem Hund, der gerade erst auftaut, kann ich keine Tricks erwarten. Aber Fotos bekommt man immer hin – zum Beispiel, indem die Halter mit ihm entlangspazieren und ich dabei fotografiere.

Ich hatte sogar schon Hunde vor der Kamera, die sonst einen Maulkorb tragen. Irgendwann haben wir den abgenommen, weil man merkte: Es klappt. Und obwohl ich beim Fotografieren immer auf dem Boden liege, um auf Augenhöhe zu sein, war das nie ein Problem.

Woran erkennst du, ob ein Tier sich wohlfühlt oder gestresst ist?

Anne

An der Körpersprache: Gibt es Beschwichtigungssignale? Wie angespannt ist der Körper? Was machen die Ohren, was macht die Rute? Nimmt der Hund überhaupt Futter an? Wenn man viel mit Hunden zu tun hat, wird daraus irgendwann auch Intuition – man weiß es einfach.

Claudia

Das stimmt – aber leider erkennt es nicht jeder. Viele Signale werden oft fehlgedeutet. Wenn man sehr viele Tiere sieht und wie du diesen biologischen Hintergrund hat, gelingt das natürlich leichter.

Futter und Leckerlis beim Shooting

Als Ernährungsberaterin interessiert mich das natürlich: Arbeitest du mit Futter und Leckerlis?

Anne

Ja, Leckerlis nehme ich gerne, wenn der Hund darauf anspricht. Es ist ja ein Job für ihn, etwas Neues – und dafür darf er auch belohnt werden. Bei den meisten Hunden ist Futter willkommen. Man kann aber auch mit Spielzeug, Nähe oder Stimme motivieren, das kommt auf den Hund an.

Das Futter lasse ich aber immer die Halter mitbringen – ich weiß ja nicht, was der Hund verträgt. Nur wenn jemand sagt, sein Hund hat ernährungstechnisch gar keine Probleme, habe ich auch selbst etwas dabei.

Claudia

Das finde ich sehr sinnvoll. Ich habe ja selbst einen Allergiehund und weiß, wie das ist – da ist es viel besser, die eigenen Sachen dabeizuhaben. Unverträglichkeiten sind heute leider ein großes Thema.

Wie ein Shooting bei Anne abläuft

  1. 1

    Vorgespräch

    Per E-Mail oder Telefon werden alle Wünsche besprochen: Was sind die Besonderheiten des Tieres, sein Charakter, gibt es gesundheitlich oder vom Verhalten etwas zu beachten? Daraus wählen wir gemeinsam eine passende Location.

  2. 2

    Ankommen dürfen

    Am Termin darf der Hund erstmal ankommen – gemeinsam ein Stück spazieren, schnüffeln, sein Geschäft erledigen. Zwischendurch immer wieder kurze Pausen, damit er sich einstellen kann.

  3. 3

    Langsam anfangen

    Erst ein paar Porträts, damit der Hund noch frisch ist. Dann – ganz wichtig – Fotos mit dem Halter gemeinsam. Viele sträuben sich, aber gerade diese Bilder sind später die wertvollsten.

  4. 4

    Bewegungsbilder

    Zum Schluss darf der Hund rennen und Quatsch machen – das macht den meisten am meisten Spaß. Der Hund gibt das Tempo vor, nichts wird erzwungen.

  5. 5

    Auswahl & Bearbeitung

    Innerhalb von 48 Stunden kommt die Auswahlgalerie mit den gelungenen, grundoptimierten Bildern. Nach der Auswahl bearbeitet Anne sie in ihrem Stil – und schickt sie zu.

Ein Shooting, das besonders berührt hat

Anne

Die Shootings mit Senioren und kranken Tieren bleiben mir immer sehr in Erinnerung. Einmal wollten Halter unbedingt noch Fotos mit ihrem weißen Schäferhund machen, der an Krebs erkrankt war – gemeinsam mit dem kleinen Familienhund, abends in der blühenden Heide. Der Hund war total gut drauf, man hat ihm nichts angemerkt, wir haben tolle Laufbilder gemacht. Am nächsten Tag mussten sie ihn gehen lassen.

Das hat mich sehr mitgenommen. Aber es war auf seine Weise auch tröstlich, dass wir diese Fotos noch machen konnten – dass sie Trost spenden.

🤍

Es ist ein Thema, das auch Claudia sehr nah geht: Ihre Hündin Wicky, die Anne ebenfalls fotografiert hat, hat erst sehr spät gezeigt, wie krank sie war. Umso wertvoller sind heute die schönen Bilder, die von ihr bleiben.

Claudia

Genau das geht mir unter die Haut. Tiere verstecken ihre Schwäche oft so lange – meine Hündin hat mir leider auch erst sehr spät gezeigt, wie krank sie war. Und ich bin so dankbar, dass ich diese schönen Bilder von ihr habe.

Tiere begleiten uns nur ein Stück des Weges. Genau deshalb sind die Momente, die wir festhalten, so unbezahlbar.

Annes Tipps für schöne Fotos mit dem Handy

FÜR ZWISCHENDURCH
  • Keinen Druck ausüben. Das „Jetzt setz dich doch mal hin“-Foto wird selten schön – der Hund spürt den Druck und verliert die Körperspannung. Lieber den Moment abwarten, der von allein kommt.
  • Auf Augenhöhe gehen. Runter zum Tier – das verändert die Wirkung sofort und lässt das Bild viel persönlicher wirken.
  • Oder bewusst von oben. Der Blick von ganz oben ergibt dieses süße Nach-oben-Gucken.

Ob vor der Kamera, im Stall oder im Alltag – es geht darum, das Tier zu sehen, wie es wirklich ist.

Das ist für mich der schönste Gedanke aus diesem Gespräch: hinschauen, Raum geben, keinen Zwang – und dann den passenden Moment festhalten. Genau dieselbe Haltung, die auch bei der Fütterung zählt. Wer sein Tier wirklich sieht, erkennt eher, was es braucht.

Und wenn du dir richtig schöne Bilder von deinem Tier wünschst, kann ich dir Anne von Herzen empfehlen. Ihre Bilder sind ein Traum – ich habe selbst noch einen Gutschein, den ich bald einlösen möchte, für Fotos von unserer neuen Hündin Inge.

Shownotes

Mein Gast – Anne Bertling (Tierfotografie):

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