In dieser Folge habe ich mir wieder Verstärkung mitgebracht: Gemeinsam mit der Tiertherapeutin Jeanine Rössig spreche ich darüber, wie sich Fütterung, Haltung und Bewegung gegenseitig beeinflussen.
Wer ist Jeanine? Jeanine betreibt seit fast 18 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie die Red Blaze Ranch mit 16 bis 18 Pferden. Sie ist Reittherapeutin, seit 2015 Westerntrainerin und hat vor einigen Jahren zusätzlich eine Ausbildung in Pferdephysiotherapie und Osteopathie gemacht – auch für Hunde. Ihre Pferdeliebe begann schon im Kindesalter: Zum zwölften Geburtstag bekam sie ihre Paint-Stute Gini, die heute stolze 32 Jahre alt und immer noch fit ist.
Woran erkennst du, dass dein Tier Hilfe braucht?
Jeanines Antwort ist klar: Man merkt es daran, wenn sich ein Pferd oder ein Hund nicht normal bewegt. Das kann ganz unterschiedlich aussehen:
- Das Tier frisst nicht richtig
- Beim Putzen zieht das Pferd den Rücken weg
- Auffällige Sachen wie Lahmen – beim Hund ebenso
- Der Hund fängt an zu humpeln oder verhält sich komisch
„Das muss nicht immer etwas mit den inneren Organen zu tun haben“, erklärt Jeanine. „Es kann auch einfach eine Blockade sein.“
Die typischen Beschwerden – und ihre Ursachen
Bei Pferden liegt das Problem häufig im Rückenbereich. Die Ursache Nummer eins in Jeanines Praxis:
„Ein passender Sattel ist natürlich immer das A und O. Den sollte man auch immer regelmäßig kontrollieren lassen. Sattelproblematik ist schon das, was mir mit am häufigsten unterkommt.“
Jeanine RössigDazu kommen schlechtes oder falsches Training – oft einfach, weil man es nicht besser weiß oder es falsch gezeigt bekommen hat. Das Resultat sind dann muskuläre Verspannungen und Blockaden.
Die Frühwarnzeichen im Alltag
Besonders wertvoll fand ich Jeanines Tipp, worauf man achten sollte, bevor es richtig ernst wird:
- Das Pferd verhält sich anders als sonst
- Es tritt kürzer oder fühlt sich nicht ganz wohl
- Beim Gurten fängt es an zu schnappen
- Es zieht den Kopf hoch
Jeanines wichtigster Rat: Sag nicht „der ist halt blöd oder zickig“ – sondern überleg wirklich, was dahinterstecken könnte, dass so eine Abwehrreaktion kommt.
Denn: Gerade Pferde sind Tiere, die sehr, sehr lange Dinge verstecken. Und wenn sie dann wirklich deutliche Anzeichen zeigen, ist da meistens schon mehr im Gange, als man denkt.
Haltung: Bewegung, frische Luft und Sozialkontakte
Jeanines Einstellung ist eindeutig: Pferde sind Lauftiere und sollten nicht in reiner Boxenhaltung stehen. Selbst wenn sie täglich trainiert werden – das ersetzt nicht das Maß an Bewegung, das ein Pferd täglich braucht.
Auf ihrer Ranch sind die Pferde so viel draußen wie möglich. Ihr sind dabei zwei Dinge besonders wichtig:
- Frische Luft: „Egal wie sauber man die Boxen macht – man hat trotzdem immer die Ammoniak-Dämpfe, die die Pferde einatmen.“
- Gruppenhaltung: Pferde sind nicht nur Lauf-, sondern auch Herdentiere. Sie brauchen Sozialkontakte, Abwechslung, das gegenseitige Abschnuppern und Kraulen. Das beugt auch Verhaltensauffälligkeiten wie Koppen oder Weben vor.
Und noch ein Nebeneffekt: In der Gruppe bewegen sich Pferde auf dem Paddock erfahrungsgemäß deutlich mehr – und sind insgesamt ausgeglichener.
Was ist mit den „Macken“? Jeanine ist ehrlich: In der Herde gibt es natürlich mal ein paar Blessuren mehr. Schlimme Verletzungen dürfen es nicht sein – aber eine kleine Macke lässt sich nicht ganz ausschließen. Ihr Fazit: „Mein Pferd fühlt sich in der Herde total wohl, und ich würde es auch nicht mehr anders haben wollen.“
Welchen Anteil hat die Fütterung?
Einen großen, sagt Jeanine ganz klar:
„Gerade Pferde, die total übergewichtig sind, haben viel mehr körperliche Probleme als welche, die in einem guten Futterzustand sind. Pferde, die dick sind, haben häufig auch noch einen durchhängenden Rücken – und es kommen immer mehr Symptomatiken wie Trageerschöpfung.“
Jeanine RössigDazu kommen Stoffwechselerkrankungen. Und Pferde mit zu wenig Bewegung werden steifer, sind nicht gut gymnastiziert – wenn sie sich dann mal wälzen oder austreten, kommt es häufiger zu stärkeren Blockaden als bei Pferden, die gut im Training stehen.
Von meiner Seite kam an dieser Stelle noch ein wichtiger Punkt dazu: Was die Muskeln angeht, ist es essenziell, den Proteinbedarf ausreichend zu decken – damit der Muskelstoffwechsel überhaupt gut funktionieren und der Muskel sich aufbauen kann.
Was du präventiv tun kannst
Jeanines Empfehlungen für den Alltag:
- Beobachte dein Tier aufmerksam. Du kennst es am besten.
- Sattel und Equipment regelmäßig überprüfen lassen. Ja, das ist auch eine Kostenfrage – aber wichtig.
- Hufe regelmäßig machen lassen, damit das Pferd nicht schief steht oder durch eine Fehlstellung Schmerzen bekommt. Sonst entstehen daraus wieder Verspannungen – ein Teufelskreis.
- Alle 3 bis 4 Monate präventiv eine Physiotherapeutin oder einen Osteopathen drüberschauen lassen.
Warum präventiv? Jeanine bringt es auf den Punkt: „Häufig ist es leider so, dass man erst gerufen wird, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Und dann erwarten die Besitzer, dass man bei einer Behandlung alles wieder hinbiegt – was sich über Monate aufgebaut hat, geht aber nicht so leicht wieder hinzubiegen.“
Warm-up und Cool-down – auch beim Hund
Beim Pferd: Aufwärmen ist total wichtig, damit die Muskulatur in Gang kommt und die Gelenkschmiere richtig arbeitet – sonst drohen Verletzungen. Jeanine empfiehlt viele Dehn- und Biegeübungen, gerade in der Aufwärmphase. Zum Beispiel die bekannten „Möhrchenübungen“ für den Halsbereich – die lassen sich schon beim Putzen einbauen.
Beim Hund: Nicht direkt nach dem Aufstehen das Stöckchen oder Bällchen werfen! Erst einmal ruhig loslaufen, damit der Hund warm wird. Es muss nicht kilometerweit sein – aber wenn Hunde direkt aus dem Schlaf lossprinten, können sie sich schnell etwas zerren.
Cool-down beim Pferd: So lange trocken reiten, bis das Pferd wieder eine normale Atemfrequenz hat und heruntergekommen ist. Nicht direkt in die Box stellen – sonst verkühlen die Muskeln. Im Winter gegebenenfalls eine Abschwitzdecke auflegen.
Eine Erfolgsgeschichte, die Mut macht
Jeanines schönste Erfolgsgeschichte war ein zwölfjähriger Jack Russell Terrier mit Bandscheibenvorfall. Er wurde operiert, aber nach der OP sah es aufgrund seines Alters und der Schwere des Vorfalls wirklich schlecht aus, dass er seine Hinterläufe je wieder bewegen könnte. Er zog beide Füße hinterher und lief nur noch auf den Vorderfüßen. Selbst die Tierärzte sagten: viel Physio – und sonst eventuell ein Gestell („Rolli“).
Jeanine war acht Wochen lang zweimal die Woche da. Die Besitzer machten alle Übungen zuverlässig weiter, wenn sie nicht da war.
Das Ergebnis: Der Hund läuft wieder – und zwar ganz unauffällig. Kein Füßchen wird mehr nachgezogen. Die komplette Muskulatur wurde wieder aufgebaut, und die Nerven sind zurückgekommen. In einem Alter, in dem viele gesagt hätten: „Die Kosten für OP und Therapie tue ich mir nicht an, dann lieber einschläfern.“ Hut ab vor diesen Besitzern.
Grenzen erkennen – auch als Therapeutin
Ein Punkt, der mir sehr sympathisch war: Jeanine betont, wie wichtig es ist, die eigenen Grenzen zu erkennen. „Am Ende ist man zwar Therapeut, aber man darf auf keinen Fall Tierärzten etwas vorweggreifen.“
Wenn sie sich unsicher ist – zum Beispiel bei Halswirbelgeschichten, die komisch aussehen – sagt sie den Besitzern ehrlich, dass sie daran nichts manipulieren wird, bevor das nicht tierärztlich abgeklärt ist. Denn man möchte nichts schlimmer machen, als es ist.
Jeanines Botschaft zum Schluss
„Jedes Signal, das die Tiere einem senden, sollte man ernst nehmen – und nicht einfach denken: Ach, das wird morgen schon wieder besser. Ein, zwei Tage abwarten kann man vielleicht. Aber wenn die Tiere einem etwas zeigen wollen, sollte man das auf jeden Fall ernst nehmen und sich dementsprechend Hilfe holen.“
Jeanine RössigHinschauen also. Und genau deshalb heißt mein Podcast ja auch Achtsam Füttern: Beobachtet eure Tiere gut. Dann habt ihr es in schwierigen Situationen so viel leichter, eine Lösung zu finden – und erkennt viel schneller, wenn etwas nicht passt.
Vielen Dank, liebe Jeanine, für das nette Interview und deine wertvollen Einblicke!
Shownotes
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Mein Gast in dieser Folge:
- → Jeanine Rössig – Red Blaze Ranch & Therapie Pferdephysiotherapie, Osteopathie (auch für Hunde), Reittherapie und Westerntraining. Alle Infos und Kontakt findest du auf ihrer Homepage.
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