Folge #29 – Katzentraining im Alltag – warum Struktur, Fütterung und Verhalten zusammengehören – ein Interview mit Simone Marquardt

Training ist viel mehr als ein paar Tricks beibringen.

Zu Gast in dieser Folge

Simone Marquardt von Vielfellig

Simone kommt ursprünglich aus der Hundetrainerwelt – vor rund 20 Jahren hat sie damit angefangen. Ihr Labrador war schuld, sagt sie: Er entsprach so gar nicht dem Rassestandard, machte ihr entsprechend viele Probleme, und über die Suche nach einem Trainer wurde sie selbst zur Trainerin. Später zogen Katzen ein – und die sind heute dafür verantwortlich, dass es bei ihr auch Katzentraining gibt. Vielfellig ist ein Zusammenschluss von drei belohnungsbasierten Trainerinnen; Simone ist die Einzige, die sowohl Hunde als auch Katzen begleitet.

Womit kommen Katzenhalter zu dir?

Simone

Leider muss man fast sagen: Sie kommen meist erst, wenn sie Probleme haben. Wenn die Katze nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt hatten – oder wie das Katzenbuch suggeriert hat, wie schön kuschelig Katzen sein können. Wenn das nicht eintritt und die Katze sich stattdessen wochenlang unterm Bett versteckt, dann kommen sie.

Es gibt aber auch die, die einfach sagen: Ich will meine Katze beschäftigen und coole Sachen mit ihr machen. Über die freue ich mich immer sehr. Der häufigere Einstieg ist aber: „Ich habe da mal ein Problem mit meiner Katze.“

Was bedeutet Training bei Katzen wirklich?

Simone

Es bedeutet auch mal Sitz und Platz – meine Katzen können das natürlich. Das sind die Basics, mit denen man anfängt, damit die Katze überhaupt einen Einstieg findet. Und ehrlicherweise auch der Mensch.

Aber – und das gilt nicht nur fürs Katzentraining, sondern für fast alle Tierarten – im modernen Tiertraining sprechen wir nicht mehr von einzelnen Übungen. Wir bringen den Tieren Kompetenzen bei.

Kompetenzen, die sie im Alltag anwenden können. Dinge, die ihnen helfen, in unserer Umgebung besser klarzukommen.

Simone

Denn ehrlicherweise: Wir holen die Tiere ja zu uns, und sie leben mit uns in unseren Vorgaben. Manchmal macht ihnen das Angst, manchmal finden sie es einfach komisch, weil sie vorher anders gelebt haben.

Ein Beispiel: Es gibt einen Trick, den nennen wir Tanzen. Die Katze steht auf den Hinterbeinen, mit den Vorderbeinen auf der Hand des Menschen, und macht zwei, drei Schrittchen vor und zurück. Das sieht total süß aus – aber die Kompetenzen, die sie dabei lernt, helfen ihr auch in ganz anderen Situationen: Sie lernt, dem Menschen zu vertrauen. Sich berühren zu lassen. Auf ein Signal hin auf die ausgestreckte Hand zu achten. Und sie lernt Kommunikation – dass Kommunikation mit dem Menschen überhaupt funktioniert.

Sind typische Alltagsprobleme eher ein Trainings- oder ein Strukturthema?

Simone

Ja, jein. Meistens würde ich sogar sagen: Es sind Missverständnisse.

Der Klassiker: „Katzen sind total unproblematisch. Ich habe keine Zeit für einen Hund, also hole ich mir eine Katze.“ Wer hat den Satz noch nicht gehört – oder vielleicht sogar selbst gedacht?

Die Katze ist weit missverstanden. Sie ist ungefähr 15 Jahre hinter der Hundeentwicklung. Wir erkennen erst langsam, dass Katzen genauso anspruchsvoll sind und genauso viel Zuwendung, Kommunikation und Beziehung brauchen wie Hunde. Wer sich eine Katze anschafft, weil er denkt, das sei ganz einfach und sie brauche nicht viel – die Katze sieht das anders.

Der Mensch dachte: Die legt sich einfach den ganzen Tag aufs Sofa, abends kuschle ich, fertig. Das ist bewusst überspitzt – aber Katzen brauchen tatsächlich viel mehr geistige Auslastung. Deshalb würde ich das nicht als Strukturproblem bezeichnen, sondern als Missverständnis: Wir haben noch nicht ganz verstanden, was Katzen wirklich brauchen, um bedürfnisorientiert gehalten zu werden.

Was wird beim Katzentraining am häufigsten unterschätzt?

Simone

Was alles möglich ist. Katzen werden maßlos unterschätzt – in dem, was sie leisten können. Auch komplexe Aufgaben.

Jeder kennt den Trick, dass Hunde Spielsachen in ein Körbchen räumen. Wir haben einen kleinen Streber-Club, wo ein paar meiner Langzeitkunden schon sehr lange mit ihren Katzen trainieren. Und da räumt eine Katze 10 Spielsachen in 30 Sekunden ins Körbchen. Kleiner Fun Fact: Der Weltrekord beim Hund liegt bei 15 in 30 Sekunden – den haben wir noch vor zu knacken.

Welche Rolle spielt Futter im Katzentraining?

Simone

Eine sehr große. Futterbelohnung ist schlicht das Einfachste. Natürlich können wir auch mit Spiel oder Streicheln belohnen – mit allem, was die Katze gut findet. Aber am einfachsten ist es eben, ein Leckerchen oder ein Stück Futter zu übergeben.

Wir richten uns dabei danach, was die Katze gut findet. Wenn sie am liebsten mit rohem Hähnchenfleisch trainiert – dann machen wir das.

Claudia

Das muss dann natürlich von der Futterration abgezogen werden.

Praxistipp: Futterbeschäftigung für Katzen

Die Tagesration nicht auf einmal in den Napf kippen – sondern verteilen:

  • Zehn kleine Teller oder Schälchen in der Wohnung verteilen – auf dem Schrank, in der Dusche, überall. Auf jedem nur ein Teelöffel Futter.
  • Die Katze ist damit den ganzen Tag beschäftigt – und trainiert dabei ganz nebenbei Kompetenzen: Sie überlegt sich, wie sie überhaupt in die Dusche kommt, um an ihr Futter zu gelangen.
  • Auch Positionsarbeit lässt sich damit verbinden: irgendwo draufgehen, hochsteigen, den Kratzbaum kennenlernen.

Wann funktioniert Futter als Belohnung nicht?

Simone

Es gibt tatsächlich Katzen, die sagen: Für Futter gehe ich nirgendwo hin. Meistens liegt es aber daran, dass wir noch nicht das richtige Leckerchen gefunden haben, bei dem die Katze sagt: Ja, das finde ich super, dafür mache ich gerne was.

Und: Wenn den ganzen Tag Trockenfutter im Napf steht und die Katze dann einem Trockenfutterstück hinterherrennen soll – da wird eine Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht.

Auch die Konsistenz spielt eine Rolle. Es gibt gefriergetrocknete Leckerchen, die kleben ein bisschen am Gaumen. Wenn eine Katze das noch nie hatte und es klebt ihr plötzlich fest, macht sie damit eine negative Erfahrung – und findet es furchtbar. Das liegt dann aber nur an diesem einen speziellen Leckerchen. Da lohnt es sich, durchzuprobieren.

Meistens ist es sogar umgekehrt: Katzen fressen im Training mehr. Ein Keks, für den man gearbeitet hat, ist mehr wert als einer, den man so bekommt.

Simone

Wir haben oft erlebt, dass Katzen das Trockenfutter, das sie sonst nicht anrühren, im Training plötzlich fressen.

Warum sind manche Katzen so wählerisch?

Simone

Bei Katzen ist es häufig so, dass sie stark auf das Futter geprägt sind, das die Elterntiere gefressen haben – sie schauen sich das ab. Wenn du dann mit anderen Konsistenzen ankommst, musst du wirklich sehr kleinschrittig vorgehen, um sie umzugewöhnen.

Claudia

Genau das kenne ich aus der Ernährungsberatung. Was von heute auf morgen funktioniert, gibt es da eher nicht. Und wer vorschnell immer wieder wechselt, erzieht die Katze regelrecht dazu, ständig etwas Neues zu erwarten. Das ist nicht zielführend.

Genauso wenig zielführend ist es aber, eine Katze zu lange hungern zu lassen – dafür ist der Magen der Katze überhaupt nicht ausgelegt.

Simone

Und da habe ich eine gute Nachricht: Beim Kennenlernen neuer Konsistenzen ist der spielerische Ansatz im Training sehr hilfreich. Über die positive Verknüpfung und die guten Emotionen, die im Training entstehen, kann man Katzen an neue Konsistenzen heranführen – und sie fressen dadurch später oft mehr.

Gibt es typische Muster bei sehr hungrigen oder sehr mäkeligen Katzen?

Simone

Sehr hungrig – das kommt oft daher, dass Katzen zu selten oder zu wenig gefüttert werden. Dann haben wir die, die richtig schnappen. Wenn eine Katze so gierig ist, dass sie beim Trockenkeks die halben Finger mit in den Mund nimmt, sage ich: Die Katze ist zu futtererregt.

Dann frage ich: Magst du beim nächsten Mal nicht eine Viertelportion oder einen kleinen Teelöffel vorher füttern, damit sie nicht so überdreht ist?

Denn im Training ist das nicht gut. Wenn Katzen zu aufgedreht sind, kann das Gehirn nicht mehr lernen – dann ist da nur noch Stress, Futterstress. Und dann haben wir auch keine guten Emotionen mehr.

Wir füttern vor dem Training ganz normal. Meine Kunden sollen auf keinen Fall Essen wegnehmen, damit die Katze vorher stundenlang hungrig gehalten wird. Davon halte ich gar nichts.

Wie wirkt sich Stress am Napf im Mehrkatzenhaushalt aus?

Simone

Ich würde die Frage lieber umdrehen: Wie kann sich unser Training positiv auf den Stress am Napf und im Mehrkatzenhaushalt auswirken?

Vergesellschaftung ist ein Klassiker: Neue Katze geholt, hat nicht geklappt, keine Liebe auf den ersten Blick. Dann machen wir Vergesellschaftung in kleinen Schritten – und da hilft Futter total gut.

Wichtiger Praxistipp zur Fütterung im Mehrkatzenhaushalt

Füttert die Katzen nicht mit den Gesichtern zueinander gerichtet – sondern voneinander abgewandt. Der gegenteilige Tipp kursiert leider immer noch überall, aber er erzeugt viel mehr Ressourcen- und Futterstress. War vorher noch keiner da, entsteht dadurch potenziell erst recht welcher.

Auch das ist schon Training: das Futter-Setting so einzurichten, dass wenigstens nicht noch mehr Stress am Napf entsteht.

Simone

Gemeinsam Futter, gemeinsam trainieren heißt am Ende auch: gemeinsam essen. Das ist eine positive Emotion – und die überträgt sich automatisch auf alle Anwesenden. Wenn es Stress im Mehrkatzenhaushalt gibt, kann man mit einem gemeinsamen Futterspiel ein bisschen Beziehungsarbeit leisten. Wichtig ist nur, dass sie dabei nicht konkurrieren, sondern jeder genug bekommt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Als eine Extraportion das Problem löste

Simone

Katzen können genauso „hangry“ sein wie wir. Dass Katzen nur zweimal am Tag gefüttert werden, führt oft zu Spannung – Katzen sind Häppchenesser und sollten viel häufiger Futter bekommen.

Ich hatte tatsächlich mal Streit zwischen zwei Katzendamen. Es gab immer wieder Ärger. Das Training lief eigentlich gut, alles funktionierte – und trotzdem wurde es nicht so richtig besser. Nur in ganz kleinen Schritten.

Dann habe ich das Thema Fütterung nochmal angeschnitten. Und tatsächlich: Die kleine Katze war einfach nur hangry. Sie bekam eine Extraportion Fleisch als Zusatz – und siehe da: Die Hälfte des Problems war gelöst. Einfach dadurch, dass es mehr zu essen gab.

Claudia

Das kommt gerade dann vor, wenn unterschiedliche Bedarfe da sind und man versucht, alles gleich zu halten. Manchmal passt es einfach nicht.

Was bedeutet achtsames Training für dich?

Simone

Achtsames Training bedeutet für mich, alles anzuschauen. Der Mensch gehört genauso dazu – der muss sich auch wohlfühlen. Und alle, die im Haushalt wohnen, müssen sich wohlfühlen. Es reicht nicht, wenn sich irgendwer verbiegen soll. Niemand sollte ein anderer werden müssen, nur damit es irgendwie funktioniert und die Katze da wohnen darf.

Meistens kommen die Leute mit: Das ist das Problem, das Problem muss weg. Ich schaue lieber ganzheitlich und frage: Wo gehen wir denn hin? Wie soll es denn werden? Und dann arbeiten wir daran – anstatt den Fokus auf die negative Sache zu legen.

Achtsames Training ist bedürfnisorientiertes und ganzheitliches Training. Wie geht es der Katze gut, wie geht es den Menschen gut – und wie können die zusammen leben?

Der Happy Life CatClub

Simone

Der Happy Life CatClub ist unser Angebot – eine Kombination aus drei Dingen:

Eine Mediathek mit Videos, Trainingsanleitungen und Infos. Dazu Bastelideen für Katzen, Rezepte für selbstgemachte Leckerchen, Schritt-für-Schritt-Videoanleitungen, kleine PDFs – und zum Beispiel einen Leckerli-Test mit Tabelle, mit dem du das Lieblingsleckerli deiner Katze herausfinden kannst.

Eine WhatsApp-Community, in der man Fragen stellen und Videos vom eigenen Training einsenden kann.

Live-Training alle 14 Tage. Und das ist das Besondere: Training ist ein Handwerk. Katzen nur mit Videoanleitung zu trainieren ist super schwierig und frustriert oft alle Beteiligten. Im Live-Training können wir auf jedes Team einzeln schauen, jeder kann seine Fragen stellen – und wir lernen die Teams viel besser kennen.

Claudia

Und für wen ist der Club gedacht?

Simone

Für alle Katzenbesitzer – ihr braucht keine Trainingsvorkenntnisse. Die Katze muss nichts können, der Mensch muss vorher nichts können. Wir fangen wirklich bei den Basics an; es gibt einen ganzen Bereich „Trainingsbasics“. Denn wenn das Fundament nicht steht, brauchen wir über Spielsachen-Aufräumen gar nicht erst nachzudenken.

Es gibt jeden Monat ein Fokusthema, aber man muss nicht im Clubthema arbeiten – Mitglieder können auch individuell Fragen stellen. Und man kann jederzeit einsteigen: Die komplette Mediathek wird sofort freigeschaltet, inklusive aller vergangenen Themen.

Wie unterscheidet sich der Club von einer Einzelberatung?

Simone

In der Einzelberatung hat man uns eins zu eins – da besprechen wir alles, was nötig ist: Theorie, Praxis, wir trainieren entsprechend.

Im Club haben wir keine Einzeltermine, sondern die Community nimmt gemeinsam an den Lives teil. Wir geben meist ein Thema vor – Balancieren war zum Beispiel mal eins. Dann schauen wir, wer welchen Stand hat: Die eine Katze kannte das Objekt noch gar nicht, mit der haben wir dann geübt, überhaupt draufzugehen. Eine andere kannte das Balance Board schon – mit der haben wir „Dreh dich auf dem Balance Board“ gemacht. Wir passen also live an die Schwierigkeit an. Nur den völlig freien Wunsch („ich möchte jetzt Männchen machen“) gibt es nicht – wobei sie Männchen auf dem Balance Board machen könnte.

Warum Fütterung und Training zusammengehören

Simone

Es gehört beides zusammen – das eine geht nicht ohne das andere. Training ohne Futter ist möglich, aber schwierig; es macht es einem unnötig schwer. Und Futter ohne Training? Es gibt Leute, die sagen, das geht. Ich glaube da nicht dran.

Die Katze einfach nur zu füttern reicht nicht, um eine glückliche Katze zu haben. Vor allem bei Hauskatzen, die den ganzen Tag eine Wohnung sehen, während die Menschen arbeiten. Wenn man 10 Minuten aktiv mit ihnen trainiert – das ist ein schönes Geschenk. Das ist Beziehungsarbeit. Es macht die Katze wirklich glücklich, dass sie mit uns zusammen etwas erleben kann. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Eine Sache zum Mitnehmen

Claudia

Wenn du den Katzenhaltern da draußen heute eine Sache mitgeben könntest – was wäre das?

Simone

Vertrauen.

Vertrauen in sich. Vertrauen in die Katzen – dass so viel mehr möglich ist, gerade wenn es gerade Probleme gibt mit der Fütterung oder dem Verhalten oder einer neuen Katze. Was auch immer euch gerade beschäftigt. Vielleicht kuschelt sie nicht so viel, wie ihr das gerne hättet – ich kann das total nachvollziehen, ich kuschle auch gerne und bin froh, dass meine Katzen kuscheln.

Aber: Das Vertrauen zu haben, dass das kein Zustand für immer ist. Das ist ein Prozess. Leben ist Veränderung – wir verändern uns ein ganzes Leben, und unsere Katzen tun das auch. Dieses Vertrauen zu haben, dass es besser wird und anders werden kann, gerade wenn ihr in einer schwierigen Situation steckt: Vertrauen in euch selbst, dass es gut werden kann. 🤍

Shownotes

Mein Gast:

  • Simone Marquardt – Vielfellig Belohnungsbasiertes Training für Katzen und Hunde. Auf der Website findest du auch den Happy Life CatClub (Mediathek + WhatsApp-Community + Live-Training alle 14 Tage) sowie ein kostenloses Kennenlerngespräch.

Mein kostenloses Angebot für dich:

Folge mir:

  • Instagram Tipps, Einblicke und Impulse rund um die Fütterung – begleite mich und meine Tiere im Alltag.

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