Nachdem wir uns in der letzten Folge damit beschäftigt haben, warum und wie oft wir das Gewicht unserer Fellnasen ermitteln sollten und welche Möglichkeiten es dafür gibt, schauen wir uns heute an, wie wir den Gewichtszustand beurteilen können.
Denn ob ein Tier vielleicht zu dick oder zu dünn ist, spielt bei der Ermittlung der richtigen Futtermenge eine große Rolle und wirkt sich natürlich auch auf die Gesundheit deiner Fellnase aus. Bei meinen Beratungskunden erlebe ich immer wieder, dass der Gewichtszustand nicht zutreffend eingeschätzt wird oder dass die Tierbesitzer gar nicht wissen, wie der Idealzustand überhaupt aussehen müsste. Wie bei den Menschen geht der Trend leider dahin, dass viel zu viele Tiere inzwischen zu dick sind und wir „zu dick“ oft schon als normal ansehen.
Die Folge von Übergewicht ist übrigens im Durchschnitt eine 20 % geringere Lebenserwartung.
Übergewicht kann bei Tieren führen zu:
- Herz-Kreislauf-Beschwerden
- einer eingeschränkten Atemkapazität
- Diabetes mellitus Typ II
- Störungen im Magen-Darm-Bereich
- Immunschwäche
- Hautirritationen
- bei Pferden auch zu schlechter Hufqualität oder Hufrehe
- übermäßiger Belastung des Bewegungsapparates, die wiederum:
- Schmerzen verursachen kann,
- das Tier in seiner Bewegungslust einschränkt,
- Gelenkerkrankungen auslösen oder
- Bänder und Sehnen dauerhaft schädigen kann.
Und da wir unsere Tiere lieben und möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen möchten, sollten wir das unbedingt vermeiden.
Du fragst dich jetzt vielleicht: Ab wann ist mein Tier überhaupt übergewichtig und woran genau kann man das erkennen?
Wir nutzen dafür den sogenannten Body-Condition-Score – kurz BCS. Per Definition ist der Body-Condition-Score die Körperkonditionsbeurteilung bei Tieren.
Es gibt für jede Tierart ein Bewertungssystem mit bis zu 9 verschiedenen Punkten, die je Punkt die Körperbeschaffenheit genau beschreiben, sodass man sein Tier hinterher gut innerhalb der Skala einordnen kann. Manchmal gibt es auch abgespeckte Versionen mit nur 6 Punkten (da werden dann Punkte aus der großen Skala zusammengefasst). Wir gehen hier für jedes Tier auf jeden Punkt ein.
Grundsätzlich gilt: Das untere Drittel der Score-Tabelle zeigt immer ein Untergewicht an, das obere Drittel ein Übergewicht. Am besten befindet sich der Score deines Tieres also immer im mittleren Bereich – dort ist das Idealgewicht angesiedelt. Für das große System mit den 9 Punkten bedeutet das:
- Score 1–3: unter dem Idealwert (es besteht Untergewicht)
- Score 4–5: Idealwert (Gewicht liegt im optimalen Bereich)
- Score 6–9: über dem Idealwert (es besteht Übergewicht)
Bevor wir in die einzelnen Scores eintauchen, schauen wir uns zunächst für jedes Tier an, welche Körperregionen wir überhaupt betrachten.
Bei Hunden und Katzen:
- Rippen
- Beckenknochen und knöcherne Vorsprünge
- Fett- und Muskelmasse
- Taille (von oben betrachtet)
- Bauchlinie (von der Seite betrachtet)
- Fettablagerungen am Schwanz, im Lendenbereich, am Bauch und an weiteren Körperteilen
Beim Pferd:
- Dorn- und Querfortsätze
- Schulterknochen
- Sitzbeinhöcker
- Rippen
- Hüftknochen
- Verschieben der Haut / Bildung von Hautfalten
- Kammfett (bei gesenkter Kopfhaltung wird die Höhe des Kammfettes oberhalb der Halsmuskulatur gemessen)
- Hungergrube (direkt vor der Hüfte ist die Flanke in der Regel nach innen gewölbt)
- Fettgewebe
- Linie Schweifansatz – Sitzbeinhöcker
Denke bei der Beurteilung deines Tieres bitte daran, dass es rassetypische Merkmale gibt, die von Natur aus etwas runder ausfallen. Diese Merkmale müssen bei der Beurteilung etwas abgemildert betrachtet werden. Hast du also z. B. einen Quarter, Paint, Tinker, ein Kaltblut oder Ähnliches, berücksichtige bitte, dass dort z. B. die Linie Schweifansatz–Sitzbeinhöcker von Natur aus anders ausfällt – lass diese Punkte dann bei der Beurteilung weg. Bei einem Windhund solltest du z. B. mit der Beurteilung der Bauchlinie etwas vorsichtiger sein.
Okay, jetzt wissen wir, welche Körperteile in die Beurteilung einfließen. Dann können wir mit den einzelnen Scores loslegen:
Body-Condition-Score 1 – sehr mager / stark untergewichtig
- Hund & Katze: Rippen, Lendenwirbel, Beckenknochen und alle knöchernen Vorsprünge sind bei kurzem Fell deutlich sichtbar, es gibt kein spürbares Körperfett. Die Bauchlinie ist extrem eingezogen.
- Pferd: vorstehende Dorn- und Querfortsätze, Rippen (6–18), Schulterknochen und Sitzbeinhöcker sind deutlich sichtbar, die Hüftknochen stehen vor, Knochenstrukturen an Hals und Widerrist sind zu erkennen, die Hungergrube ist deutlich eingefallen, die Haut lässt sich nicht verschieben und es besteht keinerlei Fettgewebe.
Body-Condition-Score 2 – mager / sehr dünn, deutlich untergewichtig
- Hund & Katze: Rippen sind deutlich sichtbar, Lendenwirbel, Beckenknochen und weitere Knochenvorsprünge sind offensichtlich, kein tastbares Fett vorhanden, geringe bis keine Muskelmasse, die Bauchlinie ist sehr deutlich eingezogen.
- Pferd: Dorn- und Querfortsätze, Schulterknochen, Sitzbeinhöcker und Rippen 7–18 sind sichtbar, der Hüftknochen steht vor, die Haut lässt sich nicht verschieben, man erkennt die Knochenstrukturen an Hals und Widerrist schwach, die Hungergrube ist eingefallen.
Body-Condition-Score 3 – dünn / untergewichtig
- Hund & Katze: Rippen sind leicht ertastbar oder schwach sichtbar, minimale bis keine Fettschicht, die Oberseite der Lendenwirbel ist erkennbar und die Beckenknochen treten hervor, von oben betrachtet ist eine deutliche Taille erkennbar, von der Seite ist die Bauchlinie immer noch deutlich eingezogen.
- Pferd: die Dornfortsätze sind sichtbar, die Halsfläche ist leicht nach innen gewölbt, die Halswirbel können bei leichtem Druck ertastet werden, Rippen 7–18 sind sichtbar, die Haut lässt sich nicht verschieben, die Hüfthöcker stehen vor, die Sitzbeinhöcker sind noch leicht sichtbar, die Linie Schweifansatz–Sitzbeinhöcker ist nach innen gewölbt und die Hungergrube eingefallen.
Body-Condition-Score 4 – schlank
- Hund & Katze: Rippen sind leicht ertastbar mit einer minimalen Fettabdeckung, die Taille ist von oben gut zu erkennen, seitlich betrachtet ist die Bauchlinie hochgezogen.
- Pferd: die Halsfläche ist gerade, Schultergräte und ein Teil der Rippen sind erkennbar, die Haut lässt sich minimal verschieben, Kammfett bis zu 4 cm, Widerrist markant, Hüfthöcker vorstehend, Sitzbeinhöcker erahnbar, Linie Schweifansatz–Sitzbeinhöcker nur leicht nach innen gewölbt.
Body-Condition-Score 5 – ideal
- Hund & Katze: Rippen sind tastbar mit einer leichten Fettschicht, die Proportionen passen gut zusammen, die Taille ist von oben erkennbar, seitlich ist die Bauchlinie nur leicht hochgezogen, es können minimale Fettpolster im Bauchbereich vorhanden sein.
- Pferd: die Halsfläche ist leicht nach außen gewölbt, die Schultergräte erahnbar, die Rippen sind undeutlich sichtbar, aber gut ertastbar, das Kammfett liegt bei 4–5,5 cm, die Haut ist verschiebbar, die Hüfthöcker sind leicht erkennbar, um den Schweifansatz ist das Fettgewebe leicht schwammig und die Linie vom Schweifansatz zum Sitzbeinhöcker verläuft gerade.
Body-Condition-Score 6 – mäßig dick / leicht übergewichtig
- Hund & Katze: Rippen können noch ertastet werden, befinden sich aber bereits unter einer deutlichen Fettschicht, die Taille ist von oben noch vage zu erkennen, aber nicht mehr sehr ausgeprägt, seitlich ist die Bauchlinie nur noch minimal hochgezogen, es kann ein erkennbares Fettpolster am Bauch vorliegen.
- Pferd: Halsfläche leicht nach außen gewölbt, Rippen nicht sichtbar, nur die hinteren Rippen sind fühlbar, Haut ist leicht verschiebbar, an der Schulter kann eine Hautfalte gebildet werden, Hüfthöcker sind erkennbar, die Linie zwischen Schweifansatz und Sitzbeinhöckern ist leicht nach außen gewölbt, Kammfett 5,5–7 cm, weiches Fett am Schweifansatz.
Body-Condition-Score 7 – dick / übergewichtig
- Hund & Katze: die Rippen sind nur schwer zu ertasten und befinden sich unter einer moderaten Fettschicht, von oben ist eine Taille kaum erkennbar, es gibt deutliche Fettablagerungen im Lendenbereich und am Schwanzansatz, seitlich kann noch minimal eine hochgezogene Bauchlinie erkennbar sein, am Bauch sind ebenfalls Fettablagerungen erkennbar.
- Pferd: die Halsfläche ist leicht nach außen gewölbt, weiche Fettpolster liegen über den Rippen, die hinteren Rippen sind nur unter Druck fühlbar, die Haut ist leicht verschiebbar, die Schulterfalte ist spannungsfrei möglich, die Hüfthöcker sind abgerundet, aber noch fühlbar, die Kruppe ist weich, das Kammfett liegt zwischen 7 und 8,5 cm, die Linie vom Schweifansatz zu den Sitzbeinhöckern ist deutlich nach außen gewölbt und am Schweifansatz ist weiches Fett vorhanden.
Body-Condition-Score 8 – fett / stark übergewichtig
- Hund & Katze: die Rippen liegen unter einer stark ausgeprägten Fettschicht und sind nur noch mit erheblichem Druck ertastbar, es gibt starke Fettablagerungen im Lendenbereich und im Bereich des Schwanzes, eine Taille ist nicht vorhanden, ebenso wenig eine hochgezogene Bauchlinie, deutliches Bauchfett vorhanden.
- Pferd: die Halsfläche ist leicht nach außen gewölbt, der Bereich um Widerrist und Schulter ist mit Fett aufgefüllt, Haut ist leicht verschiebbar, Schulterspeckfalte möglich, die Rippen sind kaum fühlbar, Hüfthöcker sind eingedeckt, aber fühlbar, die Kruppe ist weich, die Linie vom Schweifansatz bis zum Sitzbeinhöcker ist deutlich nach außen gewölbt, das Kammfett beträgt 8,5–10 cm, um den Schweifansatz ist weiches Fett.
Body-Condition-Score 9 – fettleibig / extrem übergewichtig
- Hund & Katze: Rippen nicht ertastbar und von einer dicken Fettschicht bedeckt, keine Taille, keine hochgezogene Bauchlinie, dicke Fettablagerungen im Lendenbereich, am Schwanzansatz, am Bauch und an anderen Gliedmaßen.
- Pferd: die Halsfläche ist deutlich nach außen gewölbt, es bestehen Fettpolster im gesamten Bereich des Widerristes und der Brust, die Schulterspeckfalte ist spannungsfrei möglich, die Rippen sind nicht fühlbar – es gibt eine durchgehende Fettschicht an Brust, Rücken, Kruppe und rund um den Schweifansatz, die Hüfthöcker sind nicht mehr vorgewölbt und das Kammfett beträgt mehr als 10 cm.
Oh wow, das war ganz schön viel Input, oder?
Du kannst das jetzt direkt bei deiner Fellnase anwenden und checken, welcher BCS vorliegt. Vielleicht bist du überrascht und hättest den Gewichtszustand anders eingeschätzt – oder deine Einschätzung wird bestätigt.
Ich empfehle, den BCS im Rahmen der regelmäßigen Gewichtsermittlung durchzuführen und den ermittelten Score ebenfalls zu notieren.
Wenn der ermittelte Score nicht im Idealbereich liegt, ist das auf jeden Fall ein Zeichen, dass du etwas an der aktuellen Futtersituation verändern solltest. Zusammen mit der regelmäßigen Gewichtsermittlung hast du damit deine ersten Schritte zur achtsamen Fütterung schon getan.
Shownotes
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