Experteninterview – ohne Huf kein Pferd.
Biotin, Zink, Huföl – kaum ein Bereich ist so voll mit gut gemeinten Tipps wie die Hufe. Aber was hilft deinem Pferd wirklich, und welche Rolle spielt dabei das, was im Trog landet?
Genau darüber habe ich mit Jan Schreiner gesprochen. Jan ist mein eigener Huforthopäde – ich bin also schon überzeugte Kundin – und ich wollte unbedingt einmal von ihm hören, wie er als „Huf-Mensch“ auf die Fütterung schaut. Ganz ehrlich, seine Antwort hat mich nicht überrascht, aber sehr gefreut.
Mein Gast: Jan Schreiner
Kurz vorgestellt
- Seit über zehn Jahren Huforthopäde
- Seit gut zwei Jahren im Ausbilderteam von Hufortho – er bildet also selbst neue Huforthopäd:innen aus
- Zur Huforthopädie gekommen, weil die eigenen Pferde trotz wechselnder Schmiede immer wieder Hufprobleme hatten, teilweise bis zur Lahmheit
- Nimmt aktuell keine Neukund:innen an – umso wichtiger, dass er Nachwuchs ausbildet
Huforthopäde, Hufpfleger, Hufschmied – wo ist der Unterschied?
Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die die Berufsbezeichnungen gern mal durcheinanderbringt. Das Ziel ist bei allen gleich: ein Huf, der im Gleichgewicht ist. Der Unterschied liegt eher in der Herangehensweise.
Hufschmied
Klassisch der Eisenbeschlag – wobei es auch bei den Schmieden ganz unterschiedliche Ausbildungswege gibt.
Hufpfleger
Reine Barhufbearbeitung, ohne Beschlag. Auch hier gibt es viele Schulen mit fundiertem Wissen.
Huforthopäde
Analysiert den Huf genau – wie steht er zur Fessel, wo braucht es mehr Abrieb – und macht daraus ein Bearbeitungsziel. Jan arbeitet bei Bedarf auch mit Kunststoffbeklebern, am liebsten aber barhuf.
Die Idee dahinter: Der Huf wird so bearbeitet, dass er sich in den nächsten vier bis sechs Wochen von allein in die richtige Richtung abläuft und in dieser Zeit gut erhalten bleibt. Huforthopäd:innen müssen sich übrigens zweimal im Jahr fortbilden, mit Theorie und Praxis – das fand ich spannend.
Warum es heißt: Ohne Huf kein Pferd
Das Pferd ist ein Lauftier. Wenn der Huf ein Problem hat, funktioniert der ganze Bewegungsapparat nicht mehr richtig – und gerade, wenn wir unsere Pferde reiten möchten, ist das entscheidend.
Woran erkennst du, dass etwas nicht stimmt?
Jan war hier ehrlich: Pauschal lässt sich das kaum beantworten. Was Pferdebesitzer:innen meist sehen, ist das Offensichtliche – ein Huf, der extrem lang oder zu breit ist, aufreißt, Risse, starke Falten oder Rillen bekommt. Dann ist es aber oft schon spät. Und umgekehrt heißt ein schöner Huf nicht automatisch, dass er auch auf Dauer gut funktioniert.
Jans Tipp: Mach Fotos
Fotografiere die Hufe regelmäßig von allen Seiten und vergleiche die Bilder nach vier, acht oder zwölf Wochen. So siehst du, in welche Richtung sich der Huf entwickelt. Hat deine Hufbearbeiterin zum Beispiel gesagt, dass die Zehe flacher oder steiler werden soll, kannst du anhand der Fotos selbst nachvollziehen, ob das Ziel erreicht wird – und sonst ruhig nachfragen oder dir eine zweite Meinung holen.
Die häufigsten Ursachen für Hufprobleme
- Zu lange Intervalle – der Huf wird zu selten bearbeitet, oder er wächst plötzlich schneller als gedacht
- Die Haltung – zu wenig Abrieb ist ein Problem, zu viel Abrieb aber genauso
- Die Fütterung – und da kann Jan als Hufbearbeiter oft nur einen Hinweis geben: „Pass auf, das geht in die falsche Richtung.“
Wie viel Einfluss hat die Fütterung auf die Hufe?
Ihr ahnt es, das war natürlich die Frage, die mich als Ernährungsberaterin am meisten interessiert hat. Und Jan hat es auf den Punkt gebracht:
„Eine sehr, sehr große Rolle tatsächlich. Das ist nicht alles, Genetik spielt auch eine Rolle. Aber das Zweitgrößte ist wirklich die Fütterung.“
Jan Schreiner, Huforthopäde
Das deckt sich mit dem, was ich in meinem Alltag erlebe: Wenn die Ration eines Pferdes einmal auf seine individuellen Bedürfnisse abgestimmt und berechnet ist, bekomme ich ganz häufig zurückgemeldet, dass sich die Hufe plötzlich besser entwickeln oder zumindest deutlich stabiler werden. Und Jan sieht das von der anderen Seite: Nach einer Futterberatung erkennt er oft schon nach zwei, drei Monaten, dass die Wand von oben deutlich besser nachkommt – manchmal sogar sichtbar an einer Rille oder Falte, die genau den Übergang markiert.
Hufrehe: meistens eine Stoffwechselfrage
Kaum ein Thema fürchten Pferdebesitzer:innen so sehr wie Hufrehe. Laut Jan sind die meisten Rehe-Fälle stoffwechselbedingt: Der Stoffwechsel ist schon aus dem Gleichgewicht, und dann reicht das berühmte i-Tüpfelchen beim Futter, damit es kippt. Meistens schleicht sich das an – auch wenn es natürlich noch andere Auslöser gibt, zum Beispiel Medikamente wie Cortison.
Meine eigene Geschichte
Ich musste das leider selbst erleben. Mein Pferd hatte 2016 Hufrehe – ganz klassisch war es über den Sommer viel zu dick geworden, und ich habe das damals total unterschätzt. Im Herbst kam dann eine sehr kalte Nacht, darauf ein sehr sonniger Morgen, die Pferde gingen auf die Weide, und das hat gereicht. Dabei war die Weide gar nicht fett, da war kaum noch etwas drauf – aber das Fruktan im Herbstgras nach der kalten Nacht war das i-Tüpfelchen, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Mein Pferd konnte sich kaum noch bewegen, und ich hatte sehr lange das schlechteste Gewissen meines Lebens.
Zum Glück war auf dem Röntgenbild keine gravierende Hufbeinabsenkung zu sehen. Mein Hufschmied hat ihm mit einem Beschlag erst einmal Luft verschafft, nach drei Monaten war er wieder fit, und nach einem halben Jahr konnten wir wieder ohne Eisen gehen. Seitdem läuft er barhuf – natürlich ordentlich abgespeckt.
Und genau das war der Moment, mit dem für mich alles angefangen hat. Ich wollte ab sofort alles richtig machen, hatte aber keine Ahnung. Gefühlt stand auf jedem zweiten Futtersack „für Hufrehe geeignet“, und als ich mir die Zutatenlisten durchgelesen habe, habe ich nur Bahnhof verstanden. Eine Futterberatung gab es damals in meiner Nähe nicht, also bin ich selbst in der Ausbildung zur Ernährungsberaterin gelandet – und war ehrlich gesagt ziemlich schockiert, wie viel man als ganz normale Pferdebesitzerin nicht weiß.
Wenn es akut ist
Bei Verdacht auf Hufrehe gehört dein Pferd sofort in tierärztliche Hände. Jans Erfahrung: Am effektivsten ist es, möglichst früh in die Klinik zu fahren und mit Kryotherapie, also Kühlung, zu behandeln – das machen inzwischen die meisten Kliniken. Je früher, desto weniger entgleist der Huf.
Mehr als die Hälfte ist zu schwer
Ich wollte von Jan wissen, wie viele übergewichtige Pferde ihm im Alltag begegnen. Seine Antwort kam ohne Zögern:
„Über die Hälfte sind zu schwer. Minimum.“
Jan Schreiner, Huforthopäde
Die meisten Besitzer:innen sind sich dessen durchaus bewusst, sagt Jan – aber es gibt auch die zehn, zwanzig Prozent, die ihr Pferd so schön finden, wie es ist. Ich kenne das auch. Weil es inzwischen so viele zu dicke Pferde gibt, hat sich unser Blick daran gewöhnt, und ein normalgewichtiges Pferd wirkt auf viele schon zu dünn. Deshalb empfehle ich immer, nicht nur zu gucken, sondern zu fühlen – zum Beispiel mit dem Body Condition Score. Ob du die Rippen fühlen kannst oder nicht, täuscht nämlich nicht. Und die wenigsten Rehe-Fälle betreffen dünne Pferde.
Biotin, Zink und Co. – sinnvoll oder rausgeschmissenes Geld?
Es gibt unzählige Ergänzungsfuttermittel für die Hufe. Jans Antwort darauf finde ich herrlich klar:
„Es kann Sinn geben, aber nur, wenn man weiß, was im Grundfutter drin ist. Sonst macht es keinen Sinn, einfach Pi mal Daumen Zink oder Biotin zu füttern.“
Jan Schreiner, Huforthopäde
Den Satz „Mein Pferd kriegt ja schon Biotin“ hört er ständig – nur ausrechnen lassen, was das Pferd wirklich bekommt, hat kaum jemand. Und das ist der Knackpunkt: Ab einem gewissen Punkt ist ein Nährstoff zu viel, der Körper kann ihn nicht verwerten und muss ihn wieder loswerden. Das belastet Leber und Niere, und das schlägt sich wiederum auf die Gesundheit nieder. Eine Ergänzung hilft vor allem dann, wenn vorher wirklich ein Mangel bestanden hat oder im Grundfutter zu wenig drin ist.
Erst wissen, was im Heu steckt – dann gezielt ergänzen. Die Heuanalyse ist dafür ganz klassisch das Mittel der Wahl.
Gerade jetzt im Herbst ist übrigens die perfekte Zeit dafür: Das Heu ist gut abgelagert, und der ganze Winter liegt noch vor uns. Viele Heulieferanten bieten inzwischen auch Analysen mit an. Ich finde es ehrlich gesagt verrückt, dass Futtermittel in Europa deklariert sein müssen, Heu aber ohne Analyse verkauft werden darf – dabei ist es das wichtigste Futter überhaupt, das, was ein Pferd mit Abstand am meisten frisst.
Und keine Angst vor dem Ergebnis: Es geht nicht darum, irgendwem etwas vorzuwerfen. Heu ist und bleibt ein Naturprodukt, die Werte schwanken – mal ist viel Zucker drin, mal wenig Protein. Aber wenn ich es weiß, kann ich es ausgleichen. Jan hat das am eigenen Stall erlebt: Vor zwei Jahren haben sie einmal keine Analyse gemacht – und das war, in seinen Worten, ein fataler Fehler. Die Pferde sind alle dünn geworden. Seitdem wird jedes Jahr analysiert.
Wie lange dauert es, bis du am Huf etwas siehst?
Hier braucht es Geduld. Ein Huf muss einmal vom Kronrand bis nach unten durchwachsen, und das dauert ungefähr ein Jahr.
nach ca. 4 Wochen
wirkt sich die Bearbeitung sichtbar aus
nach 2–3 Monaten
kommt das neue Horn oben sichtbar nach, der Huf franst oft weniger schnell aus
nach ca. 1 Jahr
ist der Huf einmal komplett durchgewachsen – erst dann trägt das neue Horn
Bei meinem eigenen Pferd hat es auch ungefähr so lange gedauert, bis die Ringe komplett herausgewachsen waren.
Wie oft sollte der Huf bearbeitet werden?
Jans Faustregel: maximal alle vier bis sechs Wochen – wobei sechs Wochen gerade im Sommer für die meisten Pferde schon zu lang sind. Bei ihm liegt der Durchschnitt bei fünf Wochen, das Intervall legt er aber ganz individuell anhand der Hufe fest. Bei Hufrehe oder Hufkrebs ist er sogar jede Woche bis alle zwei Wochen da, um das Horn so schnell wie möglich wieder in die richtige Richtung zu lenken.
Früher kam der Schmied oft erst nach acht, zehn oder zwölf Wochen. Es gibt tatsächlich Pferde, denen das nichts ausmacht, weil sie sich ganz gleichmäßig ablaufen – aber das sind wirklich die Ausnahmen. Ob das passt, hängt vom Pferd ab, von seinen Bewegungsmustern, vom Boden und natürlich von der Fütterung.
Was du zwischen den Terminen selbst tun kannst
- Vernünftig füttern – da waren Jan und ich uns natürlich sofort einig
- Für passenden Abrieb sorgen: Steht dein Pferd rund um die Uhr auf Wiese oder weichem Boden, helfen regelmäßige Ausritte. Hat es zu viel Abrieb, lieber weniger ausreiten oder mit Hufschuhen arbeiten
- Regelmäßig auskratzen
- Fotos machen und die Entwicklung im Blick behalten
Den häufigsten Fehler fasst Jan so zusammen: die Dinge nicht zu hinterfragen. Also zu lange Intervalle hinnehmen oder einfach mal vier Stunden auf Asphalt ausreiten, ohne zu schauen, ob der Huf das hergibt.
Und Huffett oder Huföl?
Kann man sich laut Jan schenken. Man macht damit nichts kaputt, aber die Hufe werden davon auch nicht besser, denn der Huf versorgt sich von innen selbst mit Feuchtigkeit. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert – ich bin schon ganz lange ohne Huffett unterwegs und habe bisher nichts Negatives bemerkt.
Huf, Fütterung, Bewegung und Haltung – kein Bereich funktioniert für sich allein.
Du interessierst dich für die Ausbildung?
Weil Jan gerade keine neuen Kund:innen annehmen kann, finde ich es umso schöner, dass er neue Huforthopäd:innen ausbildet. Dabei ist ihm vor allem eines wichtig: so viel Praxis wie möglich, denn es ist ein Handwerk. Seine Schüler:innen dürfen auch einmal einen Tag mit ihm mitfahren und sehen, wie er mit Kund:innen und Kundenpferden umgeht – das ist eben noch mal etwas ganz anderes als das Lernen am Ausbildungsort.
Hufortho bietet regelmäßig Basiskurse und ein- bis zweimal im Monat Infoveranstaltungen an, meistens abends. Die nächste Ausbildungsgruppe startet voraussichtlich im Sommer 2027. Neue Termine kündigt Jan auch in seinen Instagram-Stories an – alle Links findest du unten in den Shownotes.
Shownotes
Mein Gast in dieser Folge:
- → Jan Schreiner auf Instagram Einblicke in seine Arbeit und neue Infoveranstaltungen in den Stories.
- → Ausbildung zum Huforthopäden Du interessierst dich für die Ausbildung zum Huforthopäden? Hier gibt es alle Infos.
Mein kostenloses Angebot für dich:
- → Kostenloses Kennenlerngespräch Wenn die Hufe deines Pferdes trotz guter Bearbeitung nicht so recht nachwachsen wollen, lohnt sich ein Blick in den Trog. Wir schauen gemeinsam, wo dein Pferd gerade steht.
- → Alle kostenlosen Helfer auf einen Blick Der interaktive Fütterungs-Check, die E-Mail-Serie „Achtsam Füttern“ und weitere Ratgeber.
Passende Folgen zum Weiterhören:
- → #23 – Heuanalyse: gefürchtet, falsch verstanden und eigentlich unverzichtbarWarum das Heu der größte Hebel ist – auch für die Hufe.
- → #49 – Zu dick, aber wir sehen’s nicht mehrErste Hilfe bei Übergewicht – und wie du deinen Blick wieder schärfst.
- → #45 – Warum Futterumstellungen scheiternUnd wie sie gelingen, damit du am Huf auch wirklich etwas siehst.
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- → Instagram Tipps, Einblicke und Impulse rund um die Fütterung – begleite mich und meine Tiere im Alltag.
Danke, Jan, für diese ehrlichen Einblicke – und an alle: Schaut euren Pferden mal wieder auf die Hufe!

Vielen Dank für das tolle Interview! Der Zusammenhang zwischen Fütterung und Hufgesundheit war mir so nicht bewusst. Sehr hilfreich, danke für die Tipps.