Sobald die Uhren umgestellt sind, sieht man auf vielen Höfen wieder täglich Besitzer-Pferd-Kombis zum Gras tingeln: Das sogenannte „Anweiden“ ist angesagt, damit die Pferde demnächst wieder auf die Wiese können.
Warum Anweiden überhaupt nötig ist
Das Ziel vom Anweiden ist es, das Pferd wieder langsam an Gras zu gewöhnen, wenn dieses in den Wintermonaten nicht zur Verfügung stand – viele Pferde kommen im Winter ja nicht auf die Weiden, um diese nicht kaputtzutreten. In dieser Zeit hat sich auch die Verdauung umgestellt: Um frisches Gras zu verdauen, werden andere Darmbakterien benötigt als bei der Verdauung von Heu. Und es braucht Zeit, damit sich diese Darmbakterien bilden können.
Wenn man zu schnell zu viel frisches Gras zuführt, kann es nach einer längeren Zeit ohne Gras zu Aufgasungen, Koliken oder Kotwasser kommen. Andersherum ist es übrigens genauso wichtig, das Pferd im Herbst langsam wieder vom Gras zu entwöhnen und auf Heu umzustellen, wenn die Weidesaison endet.
Um den Körper an das Gras zu gewöhnen und die Darmbakterien zu bilden, benötigt das Pferd in der Regel mehrere Wochen. Daher sollte man rechtzeitig mit der Umgewöhnung anfangen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Das ist eine wirklich gute Frage – und leider nicht pauschal zu beantworten, denn es hängt davon ab, wie das Ganze bei dir am Stall organisiert ist.
Für die Weiden und auch für die leichtfuttrigen Pferde wäre es besser, mit der Weidesaison erst nach der Blüte der Gräser zu starten. Dann kann sich die Artenvielfalt auf der Weide entfalten, und der Fruktangehalt im Gras ist nicht mehr so heftig wie im Wachstum. Das wäre aber vermutlich erst Mitte/Ende Juni der Fall – und so lange warten die Stallbesitzer in der Regel nicht.
Nach den Wintermonaten gieren die Pferde mit Beginn des Wachstums ja schon danach, das Gras zu fressen. Und die Besitzer möchten ihren Pferden nach vielen Stunden in Boxen oder auf Paddocks natürlich so schnell wie möglich wieder die Weide ermöglichen. So wird häufig schon Ende April / Anfang Mai die Weidesaison eingeläutet.
Aus früheren Tagen hält sich nämlich hartnäckig der Glaube, die Weidesaison gehe von Mai bis Oktober. Dabei wird sehr oft vergessen, dass unsere Pferde heute bei Weitem nicht mehr so viel Energie benötigen wie die Arbeitspferde von damals, die den hohen Energiegehalt im Wachstum vor der Blüte noch gut verpacken konnten. Zudem waren die Weiden früher deutlich arten- und kräuterreicher und boten damit viel mehr Abwechslung als das heutige, oft sehr fruktanreiche Weidegras.
Wovon der Vorlauf abhängt
Wie viel und wie lange im Vorfeld du mit dem Anweiden beginnen solltest, hängt noch von weiteren Faktoren ab:
- Wie empfindlich reagiert dein Pferd auf die Umstellung?
- Mit welcher Weidedauer startet eure Saison am Stall? Werden die Pferde direkt den ganzen Tag rausgelassen, brauchst du deutlich mehr Vorlauf, als wenn die Weidezeit Stück für Stück gesteigert wird und der Stallbesitzer sich damit selbst in den Anweideprozess einbringt.
Absprache mit dem Stall – das A und O
Es ist natürlich toll, wenn der Stallbesitzer sich am Prozess beteiligt. Bedenke dabei aber immer: Die Verantwortung für dein Pferd liegt am Ende bei dir, nicht beim Stallbesitzer.
Wenn er die Weidezeit schrittweise steigert, behalte im Blick, dass das für ihn zusätzlicher Aufwand ist – er muss die Pferde ja nach einer gewissen Zeit wieder reinholen oder umstellen. Gerade wenn die Pferde noch nicht lange auf der Weide stehen, lässt sich das eine oder andere manchmal nicht so leicht einfangen.
Sprich dich daher gut mit deinem Stallbesitzer ab und kläre im Vorfeld, was er leisten kann und möchte, wie du ihn unterstützen kannst oder welchen Part du vorab übernimmst – damit der Plan am Ende Hand in Hand geht. Deinem Pferd zuliebe.
Bei uns läuft es so: Die Pferde müssen bis zum Weidestart – je nach Wetter und Graslage irgendwann Anfang Mai – bereits so angeweidet sein, dass sie mindestens eine halbe Stunde raus können. Dann kommen sie alle paar Tage etwas länger raus. Ich bin dafür zuständig, die erste halbe Stunde anzuweiden, den Rest übernehmen dann die Stallbesitzer. Das ist eine gute und faire Aufteilung, wie ich finde: Mein Stallbesitzer muss die Pferde nicht direkt nach dem Rausbringen wieder einsammeln, weil sie bei null starten – und ich muss nicht mehrere Stunden pro Tag danebenstehen.
Die praktischen Herausforderungen
Die ersten Tage sollte man mit wenigen Minuten starten – das lässt sich gut an der Hand machen. Doch je länger der Zeitraum wird, desto mehr Zeit muss man zusätzlich einplanen. Und nicht in jedem Stall übernimmt der Stallbesitzer bereits ab einer halben Stunde. Oftmals müssen die Pferde schon so weit sein, dass sie 2 bis 3 Stunden raus können – und Hand aufs Herz: Ich wüsste nicht, wie ich es hinbekommen sollte, täglich 2 bis 3 Stunden mit meinem Pferd an der Hand grasen zu gehen.
Aber auch dafür gibt es Lösungen:
- Ein Stück Weide abtrennen und das Pferd dort für einen Zeitraum allein grasen lassen, während du andere Arbeiten erledigst.
- Dich mit einem Stallkollegen zusammentun und die Pferde gemeinsam rausstellen.
Besonders wichtig: Die Bewegung sollte gerade in diesem Zeitraum nicht zu kurz kommen. Plane daher grundsätzlich etwas mehr Zeit für den Stall ein, damit durch das Anweiden nicht die Bewegung hintenüberfällt.
Klare Kommunikation – und Dranbleiben
Wenn du Stallbesitzer bist: Gib deinen Einstellern rechtzeitig bekannt, wann du ungefähr die Weidesaison eröffnen möchtest, und teile mit, wie lange die Pferde bis dahin angegrast sein sollten.
Wenn du Einsteller bist: Kümmere dich rechtzeitig darum, diese Infos zu bekommen, damit du überlegen kannst, wie du das Angrasen angehen möchtest.
Und wenn ihr eine selbstorganisierte Stallgemeinschaft seid: Sprecht euch ebenfalls ab, wie ihr das Anweiden gestalten wollt, damit es für alle Beteiligten umsetzbar ist.
Denn: Einmal angefangen mit dem Angrasen, sollte dieses auch wirklich täglich beibehalten werden. Eine Pause von mehr als 48 Stunden führt dazu, dass du theoretisch noch einmal von vorne beginnen müsstest. Natürlich kommt es auch hier aufs Pferd an – je unempfindlicher deins ist, desto besser kann es eine Pause verkraften.
Nicht vergessen: die restliche Fütterung anpassen
Mit steigender Weidezeit solltest du auch die weitere Fütterung deines Pferdes im Blick behalten und anpassen. Weide hat gerade im Frühjahr deutlich mehr Energie, Protein und Nährstoffe als das Heu vom letzten Jahr. Hier gilt es zu prüfen, wie die gefütterte Heumenge schrittweise reduziert werden kann und wie Kraft- und Mineralfutter angepasst werden müssen.
Ich wünsche dir und deinem Pferd eine stress- und kolikfreie Anweidezeit!
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